Ruskin Bond – Erzähler des Himalayas

India

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Hier ein Auszug aus meinem Buch, In Heiligen Höhen – Unterwegs zur Wiege des Ganges, im Wiesenburg Verlag erschienen. Das folgende Kapitel beschreibt meine Treffen mit dem indischen Schriftsteller Ruskin Bond, bekannt für seine Kurzgeschichten und Novellas über Jugendliche und den Garhwal, eine Region im indischen Zentralhimalaya…

In Heiligen Höhen kann über meinen Amazon Store bestellt werden. Alle Bilder von Aroon Thaewchatturat.

Am Ortseingang Landours, neben der imposanten gotischen Union Church und der Hebron Elementary School steht ein buntes, von Uttaranchal Tourism gesponsertes Schild, das die Attraktionen des True Mussoorie, des authentischen Mussoorie also, anpreist.

Und dabei wird nicht zu viel versprochen: Landour sei das Zuhause von Händlern, Schriftstellern, Dichtern, Künstlern, Schauspielern, Naturheilern und Antiquitätenhändlern, und man möge doch bitte keine Plastikartikel dorthin mitnehmen.

In der Tat leben in Mussoorie derzeit eine ganze Reihe indischer Schriftsteller, Schauspieler und Künstler.

Landour hängt wie ein Schwalbennest an einem steilen, dicht bewaldeten Berghang, der von Hunderten von Affen und Hunden bevölkert ist. Meist ist dieser verschlafene Vorort Mussoories in noch dichteren Nebel gehüllt als das Stadtzentrum, so dass man erst nach und nach entdeckt, von Tag zu Tag sozusagen, wie dieses Dorf in den Wolken überhaupt aussieht. Enge Straßen winden sich in unmöglichen Kurven in alle Richtungen über diesen Bergrücken. Alte britische Bungalows und Garhwali Chalets stehen in Nadelhainen und überwucherten Gärten – manche zerfallen, andere restauriert. Die alten Kasernen der britischen Soldaten, die längst zu Wohnungen umfunktioniert wurden, ein paar Kirchen und die Gräber der Engländer, die es nicht in die Heimat zurückgeschafft haben, schaffen eine Atmosphäre von Weltabgeschiedenheit.

Der bekannteste Bewohner Landours ist der indische Schriftsteller Ruskin Bond, der seit den frühen sechziger Jahren in Mussoorie lebt.

Der 1934 in Kausali in Himachal Pradesh geborene Sohn britischer Eltern schrieb seinen ersten Roman, Room On The Roof im Alter von siebzehn Jahren in Großbritannien, gewann prompt einen Literaturpreis und hat seitdem dreihundert Kurzgeschichten, Essays und Novellen sowie mehr als dreißig Kinderbücher veröffentlicht.

Sogar der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul, einer der egozentrischsten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, hat nichts als Lob für Bond: „Die Wahrheit des Buches ergreift den Leser eher langsam. Er schreibt über Einsamkeit, unheimliche Einsamkeit. Er selbst sagt gar nichts drüber. Er überlässt es dem Leser, sich daran heranzutasten.“

Bond lebt mit der Familie, die er „adoptiert“ hat, in einem kleinen Cottage und ist ein faszinierender Gesprächspartner – ein Mann, für den die Zeit irgendwann in den frühen sechziger Jahren stehen geblieben zu sein scheint.

„Meine Großmutter väterlicherseits war eine Deutsche, aber damals hat man das natürlich niemandem erzählt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Deutschen, die hier vor dem Krieg lebten, verhaftet und in Lager in Dehra Dun gesperrt wurden. Dort lebte lange ein deutscher Zahnarzt, ein Dr. Steinert, der hier die Tibeter behandelte. Ein guter Zahnarzt. Ich nehme an, der war ein Nazi und wurde verhaftet. Genau wie sein Zeitgenosse Heinrich Harrer. Vielleicht kannten sich die beiden. 1946 sind die Deutschen dann frei gekommen und aus Indien verschwunden.“

Bond, ein kleiner gemütlicher Mann mit einem ewigen Lächeln, das er sich in Indien angewöhnt hat, folgte den abziehenden Briten ein paar Jahre später.

„Ich reiste 1950 nach Großbritannien. Damals haben die Engländer hier alles verkauft, niemand dachte daran, jemals zurückzukommen. Ein paar alte Leute, pensionierte Offiziere und viele Anglo-Inder sind geblieben. In England gab es damals viel Arbeit, und ich zog nach Jersey, wo ich eine Tante hatte. Aber eigentlich wollte ich keinen Job. Ich wollte Fußballer oder Schriftsteller werden,“ Bond lacht bescheiden, „und habe wohl die richtige Wahl getroffen. Als Fußballer würde ich vermutlich jetzt nichts mehr taugen.“

Von einem weiteren Schulbesuch hielt der junge Träumer auch nichts.

„Ich hatte keine Lust zu studieren. Ich wollte Schriftsteller werden, und zwar sofort.“

Aber zunächst brauchte Bond, der sich in Großbritannien nicht sonderlich zu Hause fühlte, Geld.

„Ich hatte Glück. Ich bekam einen Job als Assistent der Vertreterin des Reisebüros Thomas Cook and Sons in Jersey. Meine Chefin hatte eine Affäre mit einem Mann, der gebrauchte Feuerlöscher verkaufte. Sie kam nie zur Arbeit, und ich wurde schnell zum eigentlichen Vertreter des Reisebüros auf Jersey. Eine meiner Hauptaufgaben waren Zimmerreservierungen für Feriengäste aus London. Das konnte nicht gut gehen, denn ich kannte weder den Unterschied zwischen einem Doppel- und einem Zweibettzimmer, noch wusste ich, dass es Hotels gab, in welchen Farbige keinen Zutritt hatten. Schließlich wurde ich gefeuert. Meine Chefin übrigens auch.“

Wir trinken Tee in Bonds gemütlichen Wohnzimmer; die Wände sind mit

verstaubten, unordentlichen Bücherregalen voll gestellt. Die meisten meiner Lieblingsschriftsteller – von Joseph Conrad zu Ross McDonald – sind vertreten.

So ist es auch kein Wunder, dass Bond voller literarischer Anekdoten steckt: „Nach dem Job im Reisebüro habe ich eine Weile beim Gesundheitsamt auf Jersey gearbeitet. Jersey hat ein uraltes Kanalisationssystem, das ich damals besucht habe. Nun hat Victor Hugo in seinen letzten Lebensjahren auch auf Jersey gelebt und kannte diese unterirdischen Tunnel wohl. Ich bin mir sicher, dass es diese Tunnel waren, die er in Les Miserables beschrieb.“

Der junge Bond mochte England nicht und vermisste das Indien seiner Kindheit,

„Die Menschen, das Land, die Atmosphäre, alles hat mir gefehlt. Wenn ich meinen Akzent geändert hätte, wäre ich wohl als Engländer akzeptiert worden, aber dazu hatte ich keine Lust. Das einzig Gute an Jersey war die Abgeschiedenheit der Insel – man hatte viel Zeit zum Schreiben.“

Room On The Roof war zunächst ein aus Tagebüchern zusammengestoppeltes Journal.

„Ich habe meine Notizen einem Lektor in London gezeigt, der mir den guten Rat gab, den Text in einen Roman umzuschreiben. Ich habe also zu den Fakten ein paar Gegebenheiten hinzuerfunden, und nach der dritten Überarbeitung war alles fertig.“

Der Roman war ein Erfolg und gewann 1957 den John Llewllyn Rhys Memorial Prize.

Aber Bond war ungeduldig und wollte nicht auf den Ruhm in England warten.

„1955, noch bevor der Roman veröffentlicht wurde, kehrte ich nach Dehra Dun zurück. Seitdem habe ich Indien, bis auf eine Reise nach Nepal vor ein paar Monaten, nie wieder verlassen. In den letzten Jahren bin ich viel auf Lesereisen in Indien unterwegs gewesen, aber nach England zieht mich nichts zurück“

Obwohl Bond sich in Dehra Dun, der früheren britischen Regierungsstadt der Garhwal-Region (und heutigen Hauptstadt des Staates Uttaranchal), wohlfühlte, war das Leben im unabhängigen Indien nicht einfach.

„Ich was der einzige Schriftsteller in der Stadt, der einzige, der etwas über Bücher wusste. Damals gab es das Illustrated Weekly of India, ein Familienmagazin, in dem ich meinen Roman in Serienform veröffentlichte. Meine Geschichte war ein Renner, aber niemand in Dehra Dun verstand im geringsten, was ich tat, bis ich eines Tages eine Kuh beobachtete, die eine Kopie meines Magazins fraß. Das machte mir Mut.“

Bond lebte mehr schlecht als recht von den Veröffentlichungen seiner Kurzgeschichten in Magazinen.

„Ich schrieb sechs Geschichten im Monat. Manche waren etwas länger, man könnte sie Novellen nennen. Ich hatte nie wirklich Lust, einen langen Roman zu schreiben, das dauert ein Jahr, und man verliert das Interesse an seinen Charakteren, das war mir zu mühsam. Außerdem braucht man Geld, um einen langen Roman zu schreiben. Damals gab es noch keinen Buchmarkt in Indien. 1958 bin ich dann ein paar Jahre nach Delhi gezogen, aber ich wollte nicht als Journalist arbeiten, und 1964 kam ich nach Mussoorie. Ich bin eigentlich ein sehr fauler Mensch, viel fauler als mein berühmter Namensvetter.“

Für Bond war die Hill Station eine Entdeckung.

„In den frühen sechziger Jahren hatte sich Mussoorie noch nicht vom Ende des British Empire erholt. Mieten waren spottbillig, und ich fand ein Häuschen, das mich fünfhundert Rupien im Jahr kostete. Damals verdiente ich ein- bis zweitausend Rupien im Monat. Ende der siebziger Jahre musste ich ausziehen, weil eine Straße gebaut und das Gebäude abgerissen wurde. Seit die Neureichen nach Mussoorie kommen, sind die Preise unglaublich in die Höhe geschossen.“

Ruskin Bond führt uns in sein Arbeitszimmer, eine kleine Kammer mit großen Fenstern, die auf das vernebelte Tal hinunterschauen. Ein Schreibtisch ist mit Papieren überhäuft, daneben steht eine einfache Pritsche. Über dem Bett hängt eine Kopie des Farbholzschnitts des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1760 — 1849), Die große Welle vor Kanagawa.

„Ich schreibe von Hand, ich habe eine sehr leserliche Handschrift. Früher habe ich mit der Schreibmaschine geschrieben, aber das ist mir zu mühselig geworden. Meinen Verlegern sage ich einfach, wenn Ihr’s nicht handgeschrieben wollt, bekommt Ihr nichts mehr von mir. Ich überarbeite meine Texte auch nicht. Was auf dem Papier steht, bleibt auf dem Papier. Das hat immer funktioniert. Und wenn ich müde werde, lege ich mich einfach ein Stündchen hin. Nur im Winter ist es hier sehr kalt.“

Ende der sechziger Jahre begann Bond für Hamish Hamilton in Großbritannien Kinderbücher zu schreiben, ein paar Jahre später wurden diese in Indien veröffentlicht. Endlich hatte der Schriftsteller es geschafft, von Veröffentlichungen in Magazinen auf Bücher umzustellen.

„Seit den achtziger Jahren habe ich dann bei Rupa und Penguin meine Titel veröffentlicht. Meine alten Geschichten schrieb ich um, und sie wurden neu aufgelegt, ich hatte ja soviel Material.“

Seitdem erscheinen die Geschichten Ruskin Bonds in Anthologien auf der ganzen Welt  – leider sind derzeit keine Bondtitel auf Deutsch erhältlich. Sein einfacher, präziser Schreibstil eignet sich hervorragend für Schulbücher, die inzwischen zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden sind.

„Mein Lehrer hat mir in der Schule immer gesagt, dass ich einfache Wörter benutzen solle. Manche Leser beschweren sich, dass mein Stil zu einfach ist. Mir geht es aber darum, möglichst klar zu schreiben.“

Heute ist Ruskin Bond ein gefragter Mann, und das Telefon klingelt pausenlos.

„Ich bekomme vor allem Anrufe von Fans oder Leuten, die mich um Geld bitten. Andere wollen herkommen, um sich mit mir fotografieren zu lassen. Daher lüge ich oft am Telefon.“

Von moderner Kommunikationstechnologie hält Bond nichts. „Meine Familie hat mir ein Handy gegeben. Nachdem es mir endlich gelungen war, das Ding anzuschalten, konnte ich es nicht bedienen. Ich habe es beim Sprechen erst einmal verkehrtherum gehalten.  Ich brauche das zum Leben nicht. Email und Computer auch nicht. Kein Interesse.“

Das Telefon klingelt wieder.

„Mr. Bond ist heute leider nicht im Hause. Ja, versuchen Sie’s doch nächste Woche noch einmal.“

Die Geschichten Ruskin Bonds haben nicht viel mit den Herausforderungen und Problemen des heutigen Indien zu tun.

Vielmehr liegt es dem Schriftsteller am Herzen, zeitlose Geschichten über seine dahinschwindende Welt, den Garhwal und Mussoorie zu erzählen. In den Zeilen Bonds werden die Natur und die Menschen, die in den kleinen Dörfern leben, lebendig.

Auch der nahegelegene Ganges wird hier und da erwähnt.

„Natürlich habe ich über den Ganges geschrieben. Aber ich bin kein allzu religiöser Mensch. Wenn ich richtig Ärger habe, bete ich um Hilfe. Ich respektiere jedermanns Glauben und würde das Recht, eine Religion frei ausüben zu können, jederzeit verteidigen. Aber von Zeremonien und gemeinschaftlichen Gottesdiensten halte ich nichts.“

Dennoch ist Indiens heiligster Fluss auch für Bond von großer Bedeutung.

„Der Ganges bedeutet so viel für uns Inder. Der Fluss ist das Blut der Nation. Wenn Sie Indien verstehen wollen, müssen Sie den Ganges sehen und lieben.“

Bond war vor fünf Jahren das letzte Mal an der Gangesquelle in Gaumukh.

„Ich war zweimal an der Quelle. Und ich lebe genau zwischen dem Yamuna und dem Ganges. Der eine fließt links, der andere rechts an mir vorbei. Für die meisten Inder ist Gaumukh die wirkliche Gangesquelle. Aber Badrinath ist natürlich rein geografisch ebenso wichtig.“

Bond bedauert die Pilgerströme: „Bis in die sechziger Jahre war das wirklich eine echte Pilgerfahrt nach Gangotri und Gaumukh. Nach dem Krieg mit China wurden im Garhwal aus militärisch-strategischen Gründen bessere Straßen gebaut. Seitdem fahren alle mit dem Bus.“

Bond ist auch als erfolgreicher Herausgeber zahlreicher Anthologien aktiv. Vor allem seine Geistergeschichten sind in Indien populär: „Ich versuche, alte Geistergeschichten aus der viktorianischen Zeit aufzustöbern. Geister, wie die Engländer sie kannten, gibt es hier nicht, und daher werden die Geschichten gerne gelesen. Allerdings bekomme ich oftmals Post von jüngeren Lesern, denen diese Gruselstorys nicht gruselig genug sind. Aber wer weiß, wo man zu suchen hat, findet Unmengen gutes Material, und normalerweise ist auch das Copyright längst verfallen, was eine Veröffentlichung viel einfacher macht.“

Natürlich hat auch Indien seine Geistergeschichten, und Ruskin Bond kennt sich aus.

„Am besten gefällt mir der Pret, ein böser Geist, von dem man sagt, dass er im Pipal-Baum lebt. Gähnt man unter diesem Baum, so fällt der Pret dem Menschen in den Mund, und der  ist verflucht. Auch bekannt und gefürchtet ist der Chorell, der Geist einer unmoralischen Frau. Das gibt es nur in Indien.“

Ruskin Bond schreibt noch immer jeden Tag. Bei Penguin und Rupa sind inzwischen jeweils mehr als fünfunddreißig Titel Bonds erschienen.

Selbst ein Kochbuch hat er auf den Markt gebracht.

„Ich kann überhaupt nicht kochen. Ich gebe das auch im Vorwort zu. Es geht ja sowieso um Rezepte von Engländern, die hier vor fünfzig Jahren gelebt haben. Ich weiß auch gar nicht, ob diese Gerichte überhaupt essbar sind,“ lacht der genügsame Schriftsteller, der zwischen zwei heiligen Flüssen lebt.

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