In Heiligen Höhen – Leseprobe – Aus dem Leben der Anglo-Inder

India

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Hier ein Auszug aus meinem Buch, In Heiligen Höhen – Unterwegs zur Wiege des Ganges, im Wiesenburg Verlag erschienen.

Das folgende Kapitel beschreibt mein Treffen mit Hugh und Colleen Gantzer, Ehepaar, Schriftsteller, Fotografen und Filmproduzenten, zu Hause in Mussoorie, Nordindien. Die Gantzers sind Anglo-Inder und beschäftigen sich vor allem mit der eigenen Identität im heutigen Indien.

Die Gantzers von nebenan

„Der Großvater meines Großvaters kam aus Schleswig-Holstein, was damals wohl dänisch war. Die Dänen hatten eine kleine Kolonie an der Ostküste im heutigen Tamil Nadu, und so wird er wohl nach Indien gekommen sein. Aber wir sind natürlich Inder. Nur der Nachname verwirrt Leute manchmal.“

Hugh Gantzer hatte schon am Telefon betont, dass er kein Deutscher ist.

Die Gantzers, Hugh und Colleen, leben in einem wunderschönen, von Wald und Garten umgebenen großen Landhaus unterhalb der Mall in Mussorie.

Ich habe gerade den ersten Roman The Year Before Sunset, den die beiden Reiseschriftsteller, Fotografen und Filmproduzenten zusammen geschrieben haben, gelesen.

Das Buch spielt 1946 in Mussoorie, ein Jahr vor der Unabhängigkeit Indiens und ist einerseits die packende Geschichte eines sechzehnjährigen Jungen, der die Welt um sich herum entdeckt – vor allem die Mädchen und die Politik.

Andererseits ist Das Jahr vor dem Sonnenuntergang eine großartige Studie der Anglo-Inder, der einzigen gesellschaftlichen Gruppierung in Indien, die in der indischen Verfassung erwähnt wird.

Wir sind zum Tee eingeladen und stehen mit deutscher Pünktlichkeit um 16.30 Uhr vor der Tür der Gantzers.

Hugh Gantzer, ein Kommandeur der indischen Marine, ein Veteran der Befreiung Goas, des Krieges mit Bangladesh und Taifunen im südchinesischen Meer, ist ein großer Mann aus einer anderen Zeit, und seine Weltoffenheit ist erfrischend: „Ich bin damals viel gereist und habe viele interessante Menschen kennen gelernt. Ich erinnere mich noch gern an meinen Besuch in Vietnam, wo ich 1958 General Giap traf. Der sprach davon, wie er es den Amerikanern noch zeigen würde. Seine Militärstrategie hatte er sich von den Chinesen abgeguckt, aber dann mit seinen eigenen, sehr unkonventionellen Ideen verbunden. Ein brillanter Mann.“

Hugh Gantzer erzählt gerne, während seine Frau ihn hier und da verbessert und die Geschichten, die aus ihm heraussprudeln, sorgfältig zurechtrückt.

Hugh wurde 1931 in Bihar geboren, Colleen ist Jahrgang 1934 und kommt aus Mumbai, dem damaligen Bombay.

Gantzers Familie kaufte das Landhaus, in dem das Paar heute lebt, im Jahre 1940.

Die Gantzers sind Anglo-Inder, und der Roman ist weitgehend autobiographisch.

„Der Hauptcharakter, der junge Philipp, das war ich. Im Großen und Ganzen beruht die Geschichte auf Fakten, aber ich hatte keine Ahnung, wie man weibliche Charaktere in einer Geschichte glaubhaft macht, das hat Colleen alles gemacht. Sonst gibt es über die Anglo-Inder fast nichts zu lesen, außer dem rassistischen Buch von John Masters ‚Bhowani Junction’.“

In der Tat sind die Anglo-Inder, während der Kolonialzeit die verlässlichen Bürokraten der Briten, im Trubel des modernen Indien irgendwie untergegangen.

Aber was genau macht einen Anglo-Inder überhaupt aus?

Colleen Gantzer hat die perfekte Definition parat: „Menschen anglo-indischer Herkunft sind Leute, deren männliche Vorfahren europäischer Abstammung sind, deswegen haben Anglo-Inder auch europäische Vornamen.“

Während des Raj benutzten die Briten die Anglo-Inder als Puffer zwischen Herrschern und Beherrschten. Wie schon erwähnt, waren bestimmte Jobs für Anglo-Inder reserviert. Die Briten hatten vor allem nach der Übernahme Indiens durch die britische Krone, des sogenannten Raj, von der East India Company einfach nicht genug Leute in Indien.

Hugh und Colleen planen derzeit einen zweiten Roman, der die Entwicklung der Anglo-Inder vom Anfang der East India Company im 18. Jahrhundert bis zur Unabhängigkeit 1947 beschreiben soll.

„Das Problem ist, dass die meisten Inder nichts über unsere, die anglo-indische Geschichte wissen. Als unser erster Roman erschien, beschwerten sich indische Kritiker, dass nichts über die Teilung Indiens drin stand. Aber die Anglo-Inder waren davon kaum betroffen. Das mag wichtig für die Moslems, Hindus und Sikhs sein, aber hier in Mussoorie haben wir davon kaum etwas gemerkt.“

Die Kolonialherren brachten schon im frühen 19. Jahrhundert Tausende Iren, Schotten und Waliser nach Indien, um das schnell wachsende Eisenbahnnetz zu managen. Viele dieser Männer heirateten indische Frauen. Da immer mehr Linien gebaut wurden, wurden immer mehr Lokführer, Bahnhofsvorsteher etc. benötigt. Es waren die Anglo-Inder, die diese Berufe ausübten, von denen die indische Bevölkerung ausgeschlossen war. Colleen Gantzer kommt aus einer Eisenbahnerfamilie.

Die Briten erkannten bald, dass die Anglo-Inder auch in der Verwaltung durchaus nützlich waren, und nach und nach rutschten immer mehr Anglo-Inder in den Polizei-, Zoll- und Telegraphendienst. Diesen Dienern der Krone wurden Arbeitsplätze und Ausbildung garantiert. Als dann die Briten abzogen, verloren die Anglo-Inder ihre Privilegien.

„Wie die Briten glaubten wir, dass der Raj nie enden würde. Wir dachten, das würde immer so weitergehen, und daher eigneten sich viele Anglo-Inder auch nicht mehr Bildung an als unbedingt nötig. Wenn es Ärger gab, politischen Ärger, dann sprangen die Anglo-Inder für die Briten in die Bresche – indische Unabhängigkeitskämpfer wurden von anglo-indischen Polizisten verprügelt. Als dann alles zu Ende ging, fühlten wir uns von den Briten betrogen, aber das war natürlich unser Problem – sogenannte Reservations für Minderheiten führen immer zur Katastrophe, das kann man heute auch noch sehen. Als Individuen war es uns nun selbst überlassen, was wir mit dem Leben anfingen.“

Der Roman der Gantzers schildert die Ängste der Anglo-Inder vor der Zukunft in einem neuen, unabhängigen, von Hindus und Moslems dominierten Indien.

Colleen Gantzer erklärt das Dilemma: „Wir leben weitgehend wie Leute im Westen. Wir sind Katholiken, wir trinken Alkohol, wir wählen unsere eigenen Ehepartner. Als unser Sohn eine Hindufrau aus dem Panjab heiratete, trafen wir die Familie unserer Schwiegertochter. Wir organisierten ein großes Essen, und ich stellte auch einen Teller Kalbfleisch auf den Tisch. Nicht dass wir das unbedingt jeden Tag essen, aber wir wollten den Verwandten zeigen, dass wir deren Traditionen akzeptieren, aber unseren Traditionen treu bleiben müssen.“

Hugh Gantzer beschreibt das Treffen mit dem Vater seiner Schwiegertochter: „Bei den Hindus gibt es traditionell einen Brautpreis. Die Familie der Braut zahlt an die Familie des Mannes. Als der Vater meiner Schwiegertochter mich vorsichtig danach fragte, habe ich ihm ganz klar gesagt, dass wir keinerlei Bezahlung für die Tochter akzeptieren würden. Unsere Traditionen sind eben völlig verschieden. Der junge Philipp schläft ja auch mit einem der Mädchen im Roman, obwohl er nicht mit ihr verheiratet ist. Das ist für uns nichts Besonderes, für Hindus und Moslems aber undenkbar. Auch wegen dieser gravierenden kulturellen Unterschiede hatten viele Anglo-Inder Angst vor der Unabhängigkeit. Letztendlich sollte das aber keine Rolle spielen – wir sind alle Inder.“

In der Tat verließen die meisten Anglo-Inder das Land mit den Briten und emigrierten in das ferne Vaterland, dass sie noch nie gesehen hatten und dass sie auch nicht willkommen hieß.

„Die armen Leute kamen in England an in dem Glauben, dass man sie für ihre Dienste irgendwie belohnen oder zumindest akzeptieren würde. Das war aber nicht der Fall. Viele zogen in andere Commonwealth Länder weiter, vor allem nach Australien, Kanada und Neuseeland. Neuseeland war am besten, weil es dort keine Gesetze gegen Menschen anderer Hautfarbe gab.“

Auch der berühmte Anglo-Inder Jim Corbett, Tigerjäger und Nationalparkgründer, verließ Indien 1947 und ließ sich in Kenia nieder.

Und was wurde aus den Anglo-Indern, die in Indien blieben?

„Wie schon gesagt, musste man als Einzelner, nicht als Minderheit, selbst entscheiden, wie es weitergehen sollte. Viele Anglo-Inder wurden sehr erfolgreich – im Militär, in der Politik, im Geschäft. Mein Sohn hat einen guten Job bei einer Petroleumfirma und reist permanent um die Welt.“

Auch Colleen und Hugh Gantzer landeten mit beiden Füßen auf dem indischen Erdboden.

„Colleen wollte immer reisen, ich wollte schreiben. Um unsere Ehe nach meiner Pensionierung zu retten, entschieden wir uns, Reisejournalisten zu werden. Das gab es damals in Indien noch nicht. Wir waren die ersten. Ich schrieb 1976 den Herausgeber des Indian Express an, schickte ihm einen Artikel und sagte ihm, dass er doch das Kreuzworträtsel aus der Zeitung nehmen solle und stattdessen unsere Reportage zum Thema Tourismus drucken könne. Wir waren so naiv, aber die Geschichte wurde veröffentlicht, und der Herausgeber bot uns eine Spalte an, die alle zwei Wochen erschien. Wie gesagt waren wir die ersten, und wir waren erfolgreich. Eines Tages schlug mir meine Mutter vor, ans Fernsehen zu schreiben – damals gab es nur den nationalen Sender Doordarshan – um ein Reiseprogramm zu starten. Die Zeit war genau richtig. Wir hatte keine Ahnung, wie man eine Kamera bedient, aber Doordarshan bot uns an, vierundzwanzig Programme zu produzieren. Die Serie hieß Looking Beyond with Hugh and Colleen Gantzer und war so ein Erfolg, dass wir eine zweite Serie machten. Damit haben wir viel mehr Geld verdient, als ich das jemals erwartet hatte.“

Und was bleibt von den Anglo-Indern im heutigen Indien?

„Die größte Gemeinde lebt in Kolkata. Wir sind nostalgische Menschen geworden. Wir erinnern uns gerne an die Vergangenheit. Aber wir sind Inder, ein integraler Teil der indischen Geschichte und Kultur, und wir glauben, dass es richtig war, hier zu bleiben, in unserem Land.“

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