Tom Vater

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Eclectic crime fiction and informed, irreverent non-fiction from Asia and beyond

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Das Tätowierfest im Wat Bang Phra, Thailand

Der illustrierte Ganovenkonvent – Übersetzt von Walther Schütz

Uaaahh! Der Mann stürmt genau auf mich zu, sein Gesicht ist knallrot, verzerrt in tausendfa¬chen, mir nicht bekannten Qualen. Seine bloße, tätowierte Brust glänzt vor Schweiß. Er schreit him¬melwärts, speit Gift und Galle, aber er läuft geradeaus immer vorwärts, auf mich zu. Sein Gruß gilt unbekannten Teufeln. Dann – seine Stimme wird hysterisch, wird zur Sirene – kreiselt er auf einem Fleck, verdreht den Körper in wilden Verrenkungen, welche seinem Ge¬sicht die Farbe des Blutes geben. Wieder richtet sich sein Blick auf mich. Er starrt mich an, durch mich hindurch, an mir vorbei, ins Nirgendwo. Und bewegt sich…
Gerade als er mich fast erreicht hat, in dem Augenblick, wo ich meinen Rückzug in die Menge um mich herum antrete, stürzt er zu Boden. Noch immer schreit er. Er wälzt sich in einer Pfütze. Blut tropft von seinem linken Ohr, seine Augen sind blutunterlaufen, die Zunge hängt ihm aus dem Mund, er schreit immer noch. Sein Gesicht wird immer dunkler.
Plötzlich richtet sich der Mann aus der Pfütze auf. Die Menge johlt, zollt – teils höhnisch – Beifall. Der Mann fängt an zu rennen, rennt auf die kleine Bühne zu, die man im Vorhof des Wat Bang Phra errichtet hat. Eine Phalanx junger Burschen in weißen T-Shirts patrouilliert vor der Bühne, unterstützt von einer Horde hagerer und schäbiger Soldaten. Es sieht aus wie ein Rock-Festival in den Sechzigern, ohne Ordnung und außer Kontrolle.
Der Mann stürzt sich kopfüber in die Menge. Die Kerle in den weißen T-Shirts drücken ihn nach unten, vier von ihnen hängen an je einem seiner Arme und Beine. Sie schreien auf ihn ein. Er zappelt wie ein Verrückter und schreit zurück, sein Schreien gilt nicht ihnen, es gilt der ganzen Welt. Er sträubt sich wie ein Verurteilter im Zuchthaus auf dem Weg zur Guillotine.
Sekunden später wird er schlaff. Die Jungen lassen ihn auf den Erdboden fallen.
Er steht auf – sein Gesicht ist vollkommen ruhig -, faltet, sich der Bühne zuwendend, die Hände und verschwindet wieder in der Menge. Ich drehe mich um. Ein Mann stürmt genau auf mich zu…

Wat Bang Phra ist 50 km von Bangkok entfernt. Einmal im Jahr versammeln sich hier Tausende junger Männer zweifelhaften Gewerbes, um sich von mehreren Mönchen tätowieren zu las¬sen. Die Mönche machen dies Tag für Tag das ganze Jahr über, die Tätowierungen bieten Schutz und sind in Mode, aber das große Tattoomeeting findet nur einmal im Jahr statt.
Die Männer, die hierher kommen, sind zumeist im kriminellen Milieu zu Hause. Ja, das Wat Bang Phra-Fest ist eine seltene Chance, mit einigen der schlimmsten und einigen der interessan¬tensten Menschen, die Thailand zu seinen Staatsbürgern zählt, auf Tuchfühlung zu kommen.
Hinter dem Museum des Tempels haben sich vor ein paar Nebengebäuden lange Schlangen ge¬bildet. Teenager mit pockennarbigen Gesichtern, fette alte Gangster mit Augen, deren Blicke Löcher in die Hölle brennen, abgemagerte Nutten und mama-sans hängen hier herum, schwatzen und rauchen mit den Mönchen. Es ist schon komisch, diese Leu¬te bei Tageslicht zu sehen.

Manche der hemmungslos Feiernden sind völlig betrunken, andere scheinen in den Sphären des yaba (eines Metaamphetamins) zu kreisen. Die meisten sind schon tätowiert, entweder mit billigen Figuren nach Bikerart oder mit den Gebetssprüchen und Piktogrammen der buddhistischen Khmer, auf welche die Mönche hier im Tempel spezialisiert sind. Jeder will fotografiert werden, seine Narben – sehr viele! – und Hautillustrationen zur Schau stellen. Auch die Mön¬che sind reich tätowiert, haben einen Haarkranz um den geschorenen Schä¬del und sind an Hals und Schul¬tern mit chedis und Gebeten verziert. Die Schriftzeichen der Khmer sehen auf der Haut wie herumwuselnde Ameisen aus, sie reichen vom deutlich Erkennbaren bis zum völlig Unleserlichen, vom Poetischen bis zum Anarchischen. Auf Rücken und Brust wirken sie wie ein Text, sie scheinen Sinn zu machen. Aber auf Armen, Beinen und Hälsen sind sie völlig abstrakt, wirr und äußerst roh. Aber was hier steht, ist nicht nur so hingesagt. Es geht tiefer. Die Tätowierungen von Wat Bang Phra verheißen auch Sicherheit und Wohlergehen. Die harten Männer kommen voller Demut und Erwartung, und die Mönche ätzen Abbildungen furchterregender Kreaturen auf ihre Haut. Der indische Affengott Hanuman tritt hier ebenso in Erscheinung wie Tiger, Drachen, Vögel, Schlangen und Aale. Die Ganoven leben im Hof des Tempels ihre ganz persönlichen Besessenheiten aus. Mit dem Versuch, die Bühne zu stürmen, bezeugen sie ihre Demut vor Luang Paw Poen, dem jüngst verstorbenen Oberhaupt des Klosters.

Indische Mythologie, Buddhismus, uralter Animismus, offener Aberglaube und Ganoventum vereinen sich zu einem bunten Schauspiel, welches reinherzigere Bemühungen, ein geistliches Leben zu zelebrieren, verprellen dürfte. Aber es erwächst aus einem so bizarren Zusammentreffen divergierender Gegebenheiten – von Glauben und Geschichte, von Suchenden und Scharlatanen, von Demut und Großmannssucht -, dass es ein echtes Eigenleben gewinnt.

Die Mönche haben verschiedene Arbeitsmethoden. Manche benützen immer wieder dieselbe Nadel und denselben Tintenkübel, andere tauschen anscheinend nach jeder Sitzung die Nadeln und beginnen jedesmal mit einem neuen kleinen Tintengefäß. Thailand hat ein sehr handfestes Aidsproblem. Die Ganoven scheren sich darum nicht. Jeder überreicht eine Spende, die sogleich unter einem Mönchsgewand verschwindet. Letztlich geht es hier um ein Geschäft – ebenso wie um Magie.
Einige der Jüngeren zucken unter der Nadel, ihre Freunde halten sie fest nach unten gedrückt. Der Mönch sticht ungerührt weiter, wischt ab und zu Blut ab, murmelt etwas, raucht und trinkt Red Bull. Wie dem auch sei, die Männer mit den harten Gesichtern und hässlichen Narben stehen Schlange, beten, bluten und rasen wie Berserker durch den Hof, heute ist ihr Tag. Alles geschieht wie im Flug – in null Komma nichts ersteht ein neuer chedi auf dem Fleisch eines Mannes, ein neuer Gebetsspruch für den großen Buddha. Und was hält er wohl davon?
Nach der Tätowierung schleichen die Ganoven hinaus in einen anderen großen Raum, wo ih¬nen gesagt wird, welche Regeln sie in ihrem Leben einhalten müssen, wenn die Tattoos ihre schützende Wirkung tun sollen. Sie können, so schwören einige, sogar Kugeln aufhalten.

Warum geschieht dies? Gibt auch der Dalai Lama Tattoopartys?
Der Buddhismus in Thailand befindet sich in einem bedrohlichen Engpass.
Die gegenwärtige Generation der mutmaßlich Gläubigen strömt in die großen Städte auf der Jagd nach dem Dollar. Eine Konsumkultur nach amerikanischem Muster hat das Königreich erfasst, Moralität befindet sich in Auflösung, Vetternwirtschaft, Amigogeflechte und Schmiergeldpolitik wirken sich auf jede wirtschaftliche Transaktion aus, stehen hinter jeder politischen Entscheidung.
Es überrascht nicht, dass dieser intensive, ungebremste Kapitalismus, den das Land in den letzten zehn Jahren erfahren hat, auch auf den Buddhismus und das Verhalten seiner Anhänger¬schaft in Thailand eine tiefgreifende Wirkung gehabt hat.
Tempel sind oft nicht mehr Gemeinschaftszentren, sondern Wirtschaftsunternehmen.
Einige Wats treiben Geschäfte im Dienst der Superreichen, andere geben Empfehlungen für Lot¬teriezahlen.
Die Mönche leben, aus welchen Gründen auch immer, in aller Öffentlichkeit, sind wie nie zuvor Teil des alltäglichen Lebens. Man sieht sie, wie sie Mobiltelefone in den Einkaufszentren begutachten oder bei chinesischen Juwelieren das Angebot an goldenen Armbändern durchstöbern. Die Boulevardblätter berichten regelmäßig über Mönche, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Frauen zum Sex oder  Karaokebars bewsuchen . Sie bevölkern Internetcafés, und die Zellen junger Mönche sind mit Metallicapostern geschmückt. Das hört sich nicht unbedingt nach ‘Nirvana’ an! Ein schlechtes Wortspiel, ich weiß. Weiß das auch Richard Gere? Wurde Steven Seagal informiert?

Außerdem bringt Tätowieren Geld, und Wat Bang Phra ist keineswegs der einzige Tempel, der eine zweite Haut mit schützenden Sprüchen anbietet.

Jeder zahlt. Jeder Ganove, der tätowiert wird, muss ein paar Blumen und Weih¬rauch für den Leh¬rer des Tätowierers zahlen. Amulette werden überall feilgeboten und finden reißenden Absatz. Sogar in der Halle, wo die sterblichen Überreste des jüngst verblichenen Abtes in einem goldgerahmten Glassarg aufgebahrt sind, kann man Tempelsouvenirs erstehen. Die Atmosphäre ist in gleicher Weise von Demut wie von Jahrmarktstreiben erfüllt.

Doch nicht alle Mönche sind mit dieser Umtriebigkeit einverstanden. Einer der bedeutendsten Mönche des Landes, Phra Payom Kalayano, hat wiederholt zu den wirtschaftlichen Aktivitäten Stellung bezogen, welche heutzutage den Tagesablauf in vielen Klöstern bestimmen.

Luang Paw Poen, der berühmte ehemalige Abt von Wat Bang Phra, verstarb vor vier Jahren mit 79. Er selbst hatte keine Tätowierungen. Eine riesige Bronzestatue von ihm schmückt den Hof des Tempels. Der hochgeehrte Begründer dieses seltsamen Tätowierkults hatte die Tradition des Tätowierens und die damit verbundene Tiermagie von Würdenträgern aus seinem eigenen Umfeld und und von seinen Lehrern übernommen, in erster Linie von Luang Paw Him, dem früheren Oberhaupt von Wat Bang Phra. Es lässt sich nur schwer bestimmen, wie lange sich Menschen am Wat Bang Phra schon tätowieren lassen, aber die letzte Weitergabe dieser Kunst fand etwa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs statt.

Der gegenwärtig führende Tätowierer unter den Mönchen, Luang Pee Pan, ist selbst tätowiert. Fast überall. Er sitzt am Rand der tobenden Menge auf einem niedrigen Hocker und heißt eine lange Schlange von Menschen unter seiner Nadel willkommen. Ein Berg von Zigarettenpackungen und Red Bull-Flaschen hat sich hinter ihm schon angehäuft.
Gerade jetzt ist Luang Pee Pan dabei, einen weißen Lappen mit Tinte zu tränken, die er einem billigen, fest angebrachten Tintenkissen entzieht. Er drückt das Tuch auf die flache Brust eines jungen Mannes. Es ist das Bild eines Tigers.
Die Nadelapparatur ist etwa 30 cm lang. Ohne weitere Umstände beginnt Luang Pee Pan zu punktieren; der junge, magere Mann vor ihm zuckt ein bisschen, seine Haut blutet. Das Tattoo ist volle 15 cm breit, aber es ist blitzschnell vollendet. Der Mönch raucht, während er tätowiert, und er ist wirklich schnell, er hämmert lediglich die Linien heraus, wischt die Haut mit einem schmutzigen Handtuch ab. Drei Minuten Schmerz, und man trägt für den Rest seines Lebens ein neues unveränderliches Kennzeichen. Ich hoffe, der Tiger besitzt die Macht, alle Ku¬geln aufzuhal¬ten.

Draußen im Hof sitzen jetzt Tausende in der Sonne. Zum Teil ist dieser riesige Vorhof mit geweihtem weißen Garn abgegrenzt.
Innerhalb des garnumfriedeten Platzes werden immer mehr Männer zu wilden Tieren und Berserkern. Die Hitze, der Alkohol, die Drogen, das ist einfach zu viel. Ein Mönch weist darauf hin, dass nur echte Berserker dazu befugt sind, dem Wahnsinn zu verfallen. Wen man im Besitz von Alkohol oder yaba antreffen sollte, werde man hinauswerfen. Doch wer kontrolliert hier? Die meisten der Mönche sehen aus, als hätten sie selbst Jahre der Drogenabhängigkeit auf ihrem Konto.
Die Menge macht unverdrossen weiter. Einige Männer überkommt es immer wieder. Sie erhe¬ben sich, verrenken sich, kreischen. Manche verwandeln sich jedesmal in ein anderes Tier. Sie rennen geradewegs auf die Bühne zu. Sie rasen in die Reihen der Jungen in weißen T-Shirts, sie prügeln auf die Soldaten ein. Die Besessenen toben und werden schlaff.
Zombies am helllichten Tage. Die eintönige Stimme eines Priesters dröhnt aus Lautsprechern. Wenn er eine Pause macht, herrscht völliges Schweigen – bis auf die Schreie der gerade Besessenen. Man kommt sich vor wie in einer Open-Air-Irrenanstalt.

Der fetteste und gemeinste Bösewicht in der Menge hat sich den Jungen vor der Bühne angeschlossen, um die eintreffenden Irrsinnsbomben abzufangen. Es ist ein Theater, eine große Schau, die letzte Attacke. Die Tattoomönche und das neue Oberhaupt des Wat sind auf die Bühne geklettert. Einige lassen Kerzenwachs in ein riesiges Gefäß aus Silber tropfen, um heiliges Wasser zu bereiten. Ein anderer greift sich einen Wasserschlauch und spritzt damit in die Menge, die nach vorn drängt. Jeder ist auf den Beinen, schiebt und zieht. Manche sind besessen, manche nicht. Zur Bühne hin wird die Menge ziemlich dicht, manche geraten in Gefahr, zerquetscht zu werden. Hier und da werden Männer ganz plötzlich zu Berserkern, schreien in rasender Wut und rempeln die Menschen um sie herum an. Die Hitze ist enorm. Das heilige Wasser regnet auf die Menge nieder, die Tiger, Hanumans, Schlangen und Elefanten werden zu Kleinkriminellen mit schweren Hautproblemen, die sie sich selbst beigebracht haben.

Um 11 Uhr vormittags ist alles vorüber, und nach herzlichen Abschieden, Klapsen auf den Rücken und einer letzten gemeinsamen Zigarette schütteln sich die niederen Chargen von Thailands Unterwelt die Hände und tauchen wieder unter in ihren eher weltlichen Realitäten des Tö¬tens, Entführens, Erpressens, Raubens, Eintreibens von Schutzgeldern, des Frauen-, Kinder- und Drogenhandels und aller anderen Alltagsgeschäfte, um die sich ein ambitionierter, in Thailands zwielichtigen Gefilden tätiger Unter¬neh¬mer eben zu kümmern hat.
Ich ließe mich auch tätowieren – jeder Spruch würde es tun , wenn ich ein solches Leben führte.

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