Tom Vater

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Die Akha in Bangkok – Die Opiumbauern in der Metropole

Der folgende Text ist eine Reportage, die ich für meinen Titel Kulturschock Thailands Bergvölker und Seenomaden, 2006 bei Reise Know How erschienen, recherchiert habe. Ich bin damals ein paar Nächte lang den Akha, die in Bangkoks Touristenvierteln arbeiten, gefolgt….

kshilltribes

Mirchu ist 27 Jahre alt. Die leicht dicke Mutter von zwei Kindern gehört zu einem der Bergstämme Nordthailands. Mirchu ist eine Akha. Mirchu reist jeden Monat von Chiang Rai, einer kleinen Stadt nahe der laotischen Grenze, nach Bangkok. In der Hauptstadt verkauft sie traditionelle Kleidung und Schmuck ihres Stammes an Touristen, zum Beispiel im Backpackerviertel Khao San Road oder in den Rotlichtvierteln Patpong und Nana.

„Ich vermisse meinen Mann und meine Kinder, aber in Chiang Rai lohnt sich das Verkaufen nicht, da sind einfach nicht genug Ausländer. In meinem Dorf gibt es überhaupt keine Einkommensmöglichkeiten. Hier habe ich immerhin eine Chance 5000 Baht (100 Euro) im Monat zu verdienen. Aber leicht oder garantiert ist das nicht.“

Die Akha, die im 19. Jahrhundert nach Thailand gekommen sind, betreiben normalerweise Brandrodungsbau. Heute sollen in Thailand mehr als 50.000 Akha leben.

Während Verwandte in Burma, Laos, China und Vietnam erst langsam aufgrund zunehmender  Globalisierung und wachsender Infrastruktur ihre eigene Kultur verlieren, haben die Akha in Thailand schon lange massive Identitäts und Arbeitsprobleme. Von den Thais wie Außenseiter behandelt, unter Druck der Regierung zu assimilieren und immer im Ruf Opium anzubauen, zu konsumieren und zu schmuggeln, sind die Akha im 21. Jahrhundert zu einer der ärmsten Randgruppen Thailands avanciert.

Aber vor ein paar Jahren hatten ein paar Akha eine Idee – wenn nicht genug Touristen zu uns kommen, dann gehen wir eben zu den Touristen und verkaufen dort unseren Schmuck. Für die Akha begann eine lange Reise ins Herz der Finsternis, voller Gefahren und Ungewissheit.

Mirchu läuft jeden Tag von 5 Uhr nachmittags bis Mitternacht die Khao San Road, das größte Rucksacktouristenghetto Süd-Ost-Asiens rauf und runter. Sie trägt ein kleines Gestell vor sich her, dass voller Armreifen, Halsketten, Stofftaschen und Akha Hüten geladen ist und hängt an den Eingängen zu kleinen Hotels, Bars und Cafes herum. Natürlich trägt Mirchu traditionelle Akha Kleidung.

„In einer guten Nacht verdiene ich so um die 200 Baht (4 Euro).; Aber ich muss davon natürlich auch Material für die Sachen, die ich herstelle, kaufen.  Ich muss außerdem essen und das Zimmer bezahlen. Das Zimmer kostet mich 50 Baht pro Nacht (1 Euro). Und wenn die Touristen mal nicht kommen, dann ist das sehr schnell sehr schwierig Geld zu verdienen.“

Mit einer kleinen Gruppe Freundinnen aus ihrem Dorf zieht Mirchu von Café zu Café.

“Ich mag Bangkok nicht. Das Leben auf dem Land, in meinem Dorf ist besser.“

Fast alle Akha die in Bangkok arbeiten sind Frauen. „Die Frauen verkaufen mehr. Die Männer können zu Hause bleiben und nach den Kindern schauen.“ Mirchu lacht, „In einem Monat kann ich nach Hause. Das gesparte Geld wird dann erst mal eine Weile reichen müssen.“

Mirchu weiß nicht genau wie viele Akha in Bangkok arbeiten. Aber sicher nicht mehr als hundert, meint sie. Trotzdem sind die Akha, schon wegen ihrer spektakulären bestickten und mit Münzen benähten Mützen, in den letzten Jahren Teil des Stadtbildes geworden. Vor Go-go bars und fast food shops versammeln sich nicht nur Freier und Prostituierte, sondern auch kleine Gruppen Akha Frauen, schwer beladen mit Souvenirs.

„Ich weiß von ungefähr 25 anderen Akha in Bangkok. Die wohnen alle im selben Hotel wie ich.“

Die tägliche Routine der Akha besteht aus endloser Arbeit und wenig Schlaf. Die Akha tauchen in den Touristenvierteln am späten Nachmittag auf, versammeln sich mit ihren Waren an Straßenecken bevor sie in die Mengen eintauchen. Aber so einfach ist das Verkaufsdasein gar nicht.

Auf der Khao San Road müssen die Akha erst mal jedes Restaurant auslotsen, um zu sehen wie tolerant der Manager ist wenn die Mädchen von Tisch zu Tisch ziehen um biertrinkenden Touristen ihre Waren anzubieten. Oft, so Mirchu, werden sie wie Hunde verscheucht.

Zudem hat die thailändische Regierung eine ‚soziale Ordnungskampagne’ eingeleitet, die das Land vor dem moralischen Absturz retten soll. Die Polizei und die Angestellten der Bangkok Authority (Stadtverwaltung)  sind im Zuge dieser Initiative unberechenbar. Ist heute ein Teil der Khao San Road für die Akha zugänglich, kann sich das morgen auch schon wieder geändert haben – Regeln und Gesetze gibt es nicht, alles hängt von der Stimmung der Behörden ab.

Während die Akha zwar keine Leibesvisiten über sich ergehen lassen müssen, haben die jungen Frauen aus Chiang Rai dennoch massive Probleme in der Großstadt.

Sochu, eine von Mirchu’s Mitbewohnerinnen, erklärt, „In Chiang Rai dürfen wir nur auf den Bus nach Bangkok steigen, wenn wir einen Ausweis haben. Ohne Ausweis dürfen wir in Thailand nicht arbeiten.“

Thailändische Behörden tun seit Jahren ihr bestes, Bergstämme und Seenomaden die keine Staatsbürger sind, vom Arbeitsmarkt zu isolieren. Wer anders aussieht, eine andere Sprache spricht und dem Buddhismus nicht folgt hat es in Thailand schwer. Der Nationalismus wird im konservativen Thailand großgeschrieben und kulturelle Vielfalt ist weder bei der Bevölkerung noch der populistischen Regierung angesagt. Im Jahre 2005 hieß die Regierungspartei ThaiRak Thai (Thais lieben Thais). Es scheint als wäre der Trekking Tourismus der einzige Beitrag den Minderheiten dem Wohl der Nation zusteuern dürfen.

Und während sich traditionelle Strukturen im Dorf langsam auflösen, haben sich nun die Frauen aus Not entschieden in der Metropole zu arbeiten, in der Hoffnung ihre Familien unterstützen zu können, ohne ihre Würde zu verlieren.

Auf der Khao San Road dürfen die Akha nur in bestimmten ‚Zonen’ ihre Waren anbieten. Mirchu zeigt auf ein MacDonalds Restaurant, zwanzig Meter über die Strasse, und macht sich über immer neue Regelungen Sorgen, „Wenn wir jetzt da rüber gehen, dann muss jede von uns 200 Baht (4 Euro) zahlen. Die Polizei nehmen uns immer einen unserer Kästen weg und verlangen Geld.“

Auf einmal ist Mirchu in der Menge verschwunden. Auch ihre Freundinnen sind nirgends zu sehen. Ein Polizist rollt langsam auf seinem Motorrad vorbei. Nach fünf Minuten taucht Mirchu wieder auf; sie hat sich in einer Seitengasse versteckt.

„Ich habe auch Angst mit Journalisten zu sprechen oder fotografiert zu werden. Warum kommt ihr nicht heute Abend in mein Hotel?“

Wir treffen die Akha nach Mitternacht am Democracy Monument. Sobald die Frauen aus dem Touristenghetto raus sind, packen sie ihre Akha Kleidung in Plastiktüten und tun ihr bestes wie arme Arbeiter nach einem harten Tag  Arbeit in fleckigen Jeans und schmuddeligen T-Shirts auszusehen. Als Akha sind sie kaum mehr zu erkennen.

Das Chalat-Mak Guest House ist mit dem Bus kaum zehn Minuten von der Khao San Road entfernt, und liegt  direkt am Chao Praya, dem breiten und schmutzigen Fluss, der sich wie eine vergiftete Schlange durch Bangkok zieht. Zu Fuß dauert das mehr als eine halbe Stunde. Genug Geld für den Bus ist nicht da.

Mirchu teilt ein Zimmer mit vier Freundinnen aus ihrem Dorf. Die fünf Frauen schlafen auf zwei Doppelbetten. Der Rest des kleinen, modrigen Zimmers ist voller Taschen und Kisten. Überall liegen halbfertige Kleidungstücke, Armbänder und billiger Schmuck herum. Draußen auf der Treppe streiten sich Betrunkene und Transsexuelle, immer mit einem Auge auf die jüngeren Akha Mädchen. Die Wände des Zimmers sind grau und feucht und es riecht nach tausend einsamen Suiziden. Mirchu und ihre Kolleginnen zahlen 200 Baht (4 Euro) die Nacht.

Als wir Mirchus Zimmer betreten, fahren hinter uns zwei Polizisten auf Motorrädern in den Hof und rufen einen Angestellten, während sie versuchen zu sehen wer in welchem Zimmer haust. Auf einmal sehen sie uns, würgen die Rede des Managers ab und rasen in die Nacht. Der Manager bestätigt Mirchu in ihrer Angst, „Die Polizei kommt her um die Akha zu beklauen. Die gehen einfach in die Zimmer und verlangen Geld. Vor zwei Tagen waren sie auch schon hier. Ich glaube zwar nicht, dass die Polizei das Recht hat einfach so in belegte Zimmer zu marschieren, aber was soll ich machen? Die Polizei macht eben was sie will.“

Mirchu ist schon wieder beim Auspacken von Muscheln und Plastik Perlen, die noch an irgendein Kleidungsstück genäht werden müssen.

„Wir arbeiten jede Nacht bis 4 Uhr. Wir essen nicht viel und laufen den halben Tag. Ich habe die Polizei auch schon gefragt, ‚jetzt sagt uns doch dass wir in Bangkok das Gesetz brechen, sagt uns was wir für einen Schein brauchen oder sagt uns wir sollen verschwinden.’ Aber die Polizei will nicht, dass wir verschwinden. Die Polizei will nur unser Geld. Die waren heute auch schon hier und haben 200 Baht (4 Euro) mitgenommen. Soviel verdiene ich an einem guten Tag. Ich weiß nicht wie lange wir hier noch herkommen werden.“

Mirchus Freundinnen sind der gleichen Meinung, aber niemand hat Zeit oder Lust das richtig zu diskutieren. Heute Nacht muss noch viel geschafft werden und morgen ist ein neuer Tag, voller Hoffnung auf gute Verkäufe, voller Angst vor der Polizei.

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