Tom Vater

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Sadhus und Sannyasis: asketische Bettler und Verweigerer - Indiens wilde Heilige

Dieser Text wurde ursprünglich in Beyond the Pancake Trench - Road Tales from the Wild East veröffentlicht.

Bum Bum Baba

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Bum Bum Baba sitzt auf einer steinernen Plattform oberhalb der ghats von Benares, der Stufen, auf denen jedes Jahr Millionen Hindus zum Bad in den Fluss hinabsteigen.

„Ich bin ein Naga, ich bin sehr gefährlich. Aber ich werde für euch beten und ein gutes puja ma­chen.“

Bum Bum Baba hat alle äußeren Zeichen eines sadhu. Ganz in Schwarz, das Gesicht mit Asche beschmiert, die Haare verfilzt, der Bart lang und wild - so sieht er aus wie ein ja­mai­ka­­ni­scher Charles Manson.

Eine Gruppe von sadhus geringeren Ranges und ein paar Ausländer sitzen um den heiligen Mann.

Die Werkzeuge seines Geschäfts liegen vor ihm auf einem schwarzen Tuch - sein danda, ein Stock mit einem Dreizack an der Spitze zu Ehren Schiwas, ein kamandalu bzw. Wassertopf, seine Bet­telschale, eine italienische Übersetzung des Mahabharata und eine riesigen chilam, seine Pfeife aus Stein zum Rauchen von Haschisch oder charas, wie Haschisch hier heißt.

Außerdem besitzt Bum Bum Baba mehrere Tierschädel und einen Sack aus schwar­zem Tuch, in dem sich, so sagt er, die Asche der Toten von einem der nahe gelegenen Ein­äsche­rungsghats befindet.

Das Geschäft dieses sadhu ist das Vermitteln von Weisheit oder etwas in dieser Art. Er hat sich einen sehr günstigen Platz zum Verteilen seiner geistlichen Gaben ausgesucht. Die ghats in Vara­nasi gelten als derart heilig, dass, wer hier eingeäschert wird, sofortige Befreiung vom Kreislauf der Inkarnation erlangt. Hunderte alter Männer leben im Schatten der zahlrei­chen Tempel am Flussufer und harren hier aus, bis sie an der Reihe sind.

Bum Bum Baba stimmt einen bhajan, einen Gebetsge­sang, an, während er seinen chilam auspackt. Abrupt bricht er sein halbherziges Gebrab­bel ab und fordert sein Publikum auf: „Hallo, ihr dort, jemand soll mir etwas charas geben!“

Ein paar Ausländer kommen der Aufforderung mit Freuden nach und bringen mehrere Klum­pen öliges Haschisch zum Vorschein.

Der sadhu greift sich das alles und reicht es an einen jungen Inder in safrangelber Gewan­dung und mit einem Bruce Lee-Haarschnitt weiter, der unverzüglich das charas anzündet und zer­bröselt, bevor er es Bum Bum Baba zurückgibt. Der sadhu stopft seine Stein­pfeife, wie es sich gehört, zündet sie an und verschwindet in einer Rauchwolke.

„Bom Bolinath“ stimmt er an und hustet wie ein alterssschwaches Maultier auf seiner letzten Reise. Noch ein Zug, und der halbtote chilam wandert zu einem der sadhus geringeren Ranges weiter. Als die Ausländer in den Genuss des kostbaren Rauchs kommen, ist er fast ausgebrannt und das charas, das sie mitgebracht haben, längst verraucht. Aber das macht ih­nen nichts aus. Für sie verkörpert Bum Bum Baba die Weisheit des Ostens. Oder dient er ihnen vielleicht doch nur zur Unterhaltung?

Bum Bum Baba zieht eine Schau ab mit seinen Yogakünsten. Mit großer Mühe schafft er es, seine Beine hinter seine Ohren zu klemmen und auf den Händen zu stehen. Sein Ge­sicht läuft vor An­strengung knallrot an.

„Bom Bolinath. Bum Schiwa“ stöhnt er und fällt erschöpft auf den Rücken.

Die Touristen und die sadhus geringeren Ranges schauen ehrfürchtig zu, während Bum Bum Baba bereits seinen chilam für die nächste Runde reinigt.

Ich frage ihn, ob er im vergangenen Jahr beim Kumbh Mela war.

Er spuckt auf den Boden und sagt: „Ich habe keine Zeit, zum Maha Kumbh zu gehen. Zu viele Menschen kommen hierher nach Varanasi, um mich zu sehen, also: keine Zeit.“

Ich frage ihn, zu welcher akhara er gehört, aber er schüttelt nur seinen Kopf, offensichtlich durch meine Fragen verstimmt. Die sadhus geringeren Ranges und die katzbuckelnden Auslän­der werfen beunruhigte und verärgerte Blicke auf mich.

„Ich bin ein Naga Sadhu. Ich habe die Kraft des Yoga. Du wirst es morgen früh sehen, auf der anderen Seite des Ganges. Wir gehen zusammen.“

Bum Bum Baba öffnet seine schwarze Stofftasche und schaufelt Asche mit vollen Hän­den he­raus. Jetzt offensichtlich in Fahrt, reibt er unter weiterem Psalmodieren die Asche in seine Haare. „Dies hier besonderes puja, ihr gebt mir bitte fünfzig Rupien.“

Die Ausländer kommen der Forderung des sadhu nach. Die Inder sitzen alle regungslos da. „Liest du in deinem Exemplar des Mahabharata?“ frage ich.

Boom Boom Baba starrt mich an. Er versucht, aus diesem Treffen ein Kräftemessen der bei­dersei­tigen Wil­lensstärke werden zu lassen. Eine Sekunde später ist er wieder bei seinen ge­mur­melten Gebeten. Er taucht seine Hand ein zweites Mal in die Stofftasche, schaufelt weitere Asche hervor und klatscht sie voll auf den Kopf des ihm zunächst sitzenden sadhu geringeren Ranges, dann des neben diesem sitzenden und so fort. Bevor sich seine ausländischen Anhän­ger aus der Gefah­ren­zone bringen können, bekommen auch sie eine Portion Leichenasche auf den Kopf ge­klatscht. Peinlich!

„Bum Bum.. Ich bin Bum Bum Baba !“

Als ich aufstehe, um mich zu entfernen, sowohl aus der Schusslinie wie aus der Gegenwart die­ses außergewöhnlichen Asketen, ruft Boom Boom Baba mir spöttelnd zu: „Morgen kommst du, ande­res Ufer des Ganges, du bringst etwas zu trinken mit, Whiskey, dieser Baba liebt Whiskey.“

Ich vermeide es, irgendwelche Versprechen zu geben.

Das Leben eines Sadhu

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Niemand weiß, wie viele sadhus gegenwärtig durch Indien streifen. Die einzige öffentliche Zäh­­lung findet beim Maha Kumbha Mela statt, der großen Versammlung am heiligen Ganges, die alle 12 Jahre in Allahabad in Zentralindien abgehalten wird. Das nächste Maha Kumbh wird 2013 stattfinden.

Sadhus lassen sich in vier deutlich unterscheidbare Gruppen aufteilen. Die, welche man am häu­figsten wahrnimmt und am besten kennt, die sannyasis, welche Schiwa folgen, tragen ge­wöhnlich orangefarbene Gewänder, haben verfilzte Haare und und rauchen gerne Cannabis.

Die nagas sind eine Unterabteilung der sannyasis; sie gehören meist, aber nicht ausschließlich, zu den Juna Akhbara, zu jenem Mönchsorden, dem man nachsagt, die größte Anzahl bettelnder Anhänger zu haben. Alles in allem sind es sechs Mönchsor­den bzw. akharas, aus denen sich die sannyasis zusammensetzen.

Weitere sieben akharas repräsentieren die Bairagi, die Udasin und die Nirmal Sadhus, die nicht Schiwa anhängen.

Einige akharas behaupten, Hunderttausende von Mitgliedern zu haben.

Alle dreizehn akharas haben ihren Hauptsitz im nordindischen Haridwar und üben auf lokaler wie auf nationaler Ebene einen beachtlichen Einfluss aus. Alle Tätigkeiten und Immobilienge­schäfte, die von akharas betrieben werden, sind steuerfrei.

Akharas halten sich aus dem öffentlichen Leben heraus, aber einige ihrer führenden Männer sind in den augenblicklichen nationalistischen Kampf der BJP (rechtsradikale hinduistisch nationalistische Partei Indiens) eingebunden. Pilot Baba, ein ehemaliger Pilot der Luftwaffe, der zwischen Himmel und Erde während eines Flu­ges eine göttliche Vision hatte, ist ein stimmgewaltiger Gegner eines jeden Kompromisses in dem ausweglosen Ayodhyakonflikt, der Nordindien schon Jahre lang plagt. In dieser Kleinstadt in Uttar Pradesh, der Geburtsstätte von Rama, wurde 1992 eine Moschee aus dem 15. Jahrhundert von einem Mob bewaffneter Hindufundamentalisten niedergerissen, die mit der Regierungspartei in Verbindung standen. Tumulte und religiöse Spannungen kamen überall in Indien zum Ausbruch, Tausende von Menschen fanden den Tod. Neuerliche Massa­ker von Hindus und Moslems gescha­hen aus ähnlichen Gründen, in erster Linie wegen des Verlangens der Fundamentalisten, einen Hindustaat auf den Weg zu bringen, in welchem Mos­lems, Christen und Buddhisten allesamt die Oberherrschaft der Hindu zu ak­zeptieren hätten. Dies Vision, gefördert durch die Regierung, un­terstützt von verschiedenen weit rechts orien­tierten Interessengruppen und militanten Gewalttä­tern, bedroht Indiens Kultur religiöser Tole­ranz.

Um ein sannyasi zu werden, muss man seiner weltlichen Identität entsagen, materielle und fa­mi­liäre Bindungen aufgeben und sich auf eine lebenslange Reise begeben, die zum Ziel hat, sich selbst zu finden. Gläubige Hindu und andere großherzige Gemüter subventionieren diesen Le­bens­stil mit Nahrungsmittel- und Geldspenden.

Viele heilige Männer entsdcheiden sich für ein Wanderleben; in diesem Fall müssen sie sich an Re­geln halten, die zum Zeitpunkt ihrer Initiation festgelegt werden und bestimmen, wie lange sie in einer Stadt oder einem Dorf verweilen können. Andere dürfen sich an nur einem Ort auf­halten, in einer Höhle oder vielleicht in einem ashram. Manche sadhus schlagen lieber ei­nen dor­nenreicheren Pfad der Askese, des tapas, ein. Auch Selbstver­stümmelungen und über lange Zeit hin durchgehaltene Körperverrenkungen gehören zu diesem Pfad.

Beim Maha Kumbha Mela thront einer der höchstgepriesenen sadhus Tag ein, Tag aus vor seinem Zelt in dem sich unüberschaubar weit ausdehnenden Lager der Juna Akhara. Seine <s.o.> chillum wird in gleichem Maß von indischen wie von westlichen Anhängern gefüllt, und er ge­währt der Presse Interviews für 50 $ pro Einsatz. Was immer dieser baba den Massen der Tag für Tag ge­duldig an ihm vorbeiströmenden Pilger an nützlichem Rat zu geben vermag, seine Selbstverpflich­tung erfüllt er mit unumstößlicher Fes­tigkeit - wäh­rend der letzten fünf­und­zwanzig Jahre hält er ununterbrochen seinen einen Arm hoch in die Luft gereckt. An­dere noch hingebungsvollere sannyasis ziehen durch Allaha­bad Jeeps, die an ihren Geschlechts­teilen festgebunden sind.

Nagapower

Spätnachmitttag an den Ufern des Ganges. Etwa tausend nackte Männer kauern am Rand des Wassers in einer langen, wohlgeordneten Reihe. Sie alle haben geschorene Häupter; Bü­schel ihrer Haare fegen noch auf der Sandbank herum, auf der sie hocken. Manche sehen alt und gebrechlich aus, andere sind noch in ihren Zwanzigern. Orange gekleidete sadhus gehen hinter dem steinigen Ufer auf und ab, mit Stöcken bewaffnet, um die Nagaaspiranten in Reih und Glied zu halten. Heute ist der wichtigste Tag im Leben dieser Männer - das Ende dieses ihres Lebens.

Die Bartscherer sind gegangen, und die Hunderte neugieriger Schaulustiger sind wieder den Ab­hang der Sandbank hinaufgetrieben worden. Die Männer sitzen zusammengekauert schwei­gend in der Sonne. Unter ihnen sind auch einige Weiße; sie sind dabei, sich von der Welt zu verabschieden.

Auf ein düsteres Signal hin setzen sie sich in Bewegung. Sie erheben wie ein Mann. Sie schrei­ten voran in den kalten Strom wie ein Mann. Hier und da zögert einer, aber es ist zu spät. Der Schub der Masse zieht alle, die sich sträuben, mit ins schnell strömende, kalte Wasser.

Die Männer tauchen unter; sie beten und und bringen ihr Leben dem Nagakult dar. Ihre Identi­tät, ihre Namen, ihre Verbindungen zu Heim, Familie und Freunden sterben in den Fluten des Gan­ges.

Sobald sie wieder auftauchen, sind sie Nagas. Sie werden nackt über das Land gehen, mit Asche beschmiert, sie werden in Wäldern leben, in Löchern hausen und um Almosen betteln. Im Sinne des Lebens in dieser Welt sind sie tot. Sie sind frei von jeglicher Verantwortung. Sie sind frei.

Freiheit ist nur ein anderes Wort

Die ersten Akharas entwickelten sich im 9. Jahrhundert aus militanten Regimentern von Hin­du­söldnern. Sie wurden gegründet, um den Glauben vor feindseligen Eindringlingen zu schüt­zen. Or­den weiblicher sadhus kamen erst später auf, bleiben aber bis heute eine Seltenheit.

Ein letzter Atemzug einer vergehenden Kultur, vielleicht auch die dunkle Neugeburt eines ural­ten Impulses hat ein Land geschaffen, das heute noch tolerant genug ist, in seiner Mitte Men­schen gelten zu lassen, die für die Gesellschaft keinerlei sichtbare materielle oder soziale, künstlerische oder auch nur geistliche Leistung erbringen. Von Sadhus wird nicht, wie von christlichen Pries­tern, buddhistischen Mönchen, jüdischen Rabbinern oder islamischen Mullahs, verlangt, dass sie irgendein ganz besonderes Buch oder eine bestimmte Lehrmethode studiert ha­ben. Aber die Tradi­tion des wandernden Heiligen oder Künstler ist nicht auf Indien beschränkt. Wandernde Sänger reisten im Mittel­alter durch ganz Europa. Sufistische Mys­ti­kerwählten als Lebensraum ebenfalls die Straße und verbreiteten Musik, Dichtung und Glauben überall in der muslimischen Welt.

Auch wenn die moderne Welt langsam auch in das Leben in Indien einsickert und die alten Le­bensweisen, Familientraditionen und Kastenhierarchien abzubröckeln beginnen, obwohl Indien zu einem immer konkurrenzfähigeren Markt wird, entscheiden sich viele jüngere Männer dafür, ein sadhu zu sein, frei von Verantwortung, frei von dem Druck zu heiraten und sich anzupas­sen.

Ein sadhu zu werden, bietet einen Ausweg, in einigen Fällen sogar eine Ge­schäfts­grundlage. Bis vor kurzem betätigte sich ein sadhu, der unter dem Namen Tourist Baba be­kannt war, im Bereich des Durbar Square in Kathmandu. Sein Safrangewand war fleckenlos, und er trug ei­nen leopardenfellbedruckten Sarong, der ihn aus dem Getümmel der Menge her­vorhob. Tourist Baba konnte Besuchern ein ganzes Sortiment von Dienstleistungen bieten, sie reichten von Frem­denführungen im Tempelbezirk bis zum Besorgen illegaler Substanzen. Er war geradezu ein mobi­les Reisebüro.

Seitdem in den letzten Jahren der Preis von charas im Zuge des stetig wachsenden Bedarfs der Touristen steil angestiegen ist, suchen viele sadhus mit Vorliebe die Gesellschaft von Leuten aus dem Westen, vor allem in den Gebieten um Manali, Pushkar und Varanasi. Und einige Leu­te aus dem Westen werden ihrerseits sadhus, werfen ihren Pass und ihre Existenz von sich, um in Höh­len, Wäldern und Touristencafés zu leben.

‘Plastikbabas’ oder echte Wahrheitssuchende?

Der Swami

Swami Satmitratnan leitet einen der größten Tempel in Haridwar, den Bharat Mata Mandir. Er ist ein Sannyasi und Mitglied der Niranjani Akhara.

Swami Satmitratnan ist ein international anerkannter Sprecher für Belange des hinduistischen Glaubens und seiner Lehren.

Sein ashram organisiert Mahlzeiten für die Armen, betreibt ein Physiotherapiezentrum, einen Be­hinder­tendienst, leistet Hilfe bei Naturkatastrophen, unterhält ein Altenheim und Beherber­gungs­betriebe und finanziert verschiedene religiöse Publikationen.

Swami Satmitratnan erläutert: „Der sannyasi ist vollkommen frei. Er hat keinerlei Verantwor­tung und alle Zeit zur Selbstverwirklichung. Vor ungefähr 1 300 Jahren gewann Bhagwan Shankar Achar die Überzeugung, dass die Menschen ohne sannyasis nicht in der Lage seien, der Gesell­schaft eine größere Aufmerksamkeit zu widmen. Er gründete diese sechs akharas, diese sechs Orden. Ein sadhu hat die Pflicht, sein inneres Selbst, das atma, zu erkennen. Dann, wenn er er­leuchtet ist, kann er diese Kraft an die Gesellschaft weitergeben. Die sannya­sis pfleg­ten als Ein­siedler im Schatten von Bäumen zu leben. Vor tausend Jahren wurden von sannyasis Sanskritschu­len gegründet. Sie sehen also, die sannyasis bekommen nur sehr wenige Dinge von der Gesellschaft. Und sie befreien die Gesellschaft von allen Übeln. Der Wert der Weisheit ist nicht durch Geld zu bestimmen. Wer nicht Weisheit oder Einsicht hat, ist für seine Gesellschaft, seine Familie und auch für sich selbst ohne Nutzen.“

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Aber Swami Satmitratnan steht auch seinem eigenen Stand kritisch gegenüber. „Die sannyasis sollten die hei­li­gen Schriften kennen, das Brahmasutra, die Bhagavadgita und die Upanisha­den. Aber es ist wirklich ein Jammer, dass 90 Prozent der sannyasis heutzutage unbelesen sind und ganja und Ha­schisch konsumieren. Dies ist nicht der Rat unserer großen Meister. Den Menschen kann man nicht raten, solchen Leuten zu folgen.“

Der Swami hat eine sehr präzise Vorstellung davon, welche Voraussetzungen man mit­brin­gen muss, um das Leben eines sadhu zu führen: „Wer sich bewusst ist, dass diese Welt sterblich, dass sie Illusion ist, kann ein sannyasi werden. Dann sollte man sich aufmachen und die Hindu­schriften predigen, die auf Menschlichkeit gründen, nicht auf Sektiererei. Wir sind kei­ne Fanatiker. Der Glaube der sannyasis ist weit wie ein Ozean. Jeder, der will, kann kom­men, sich tiefer und tiefer darin versenken und den Puls des Ozeans der sannyasis fühlen.“

Die akharas sieht er kritisch: „Ich stehe nicht Tag für Tag mit meiner akhara in Verbindung. Die Leiter dieser Einrichtungen sollten eine moderne Grundeinstellung haben, dann können wir das System modifizieren. Die akharas sollten die Verpflichtung haben, Institutionen wie Schulen und Förderzentren zu schaffen, an denen die sadhus unterrich­tet werden kön­nen. Gegenwärtig tun die akharas nichts weiter, als ihren Grundbesitz zu ver­wal­ten und Erträge einzubringen, und außerdem veranstalten sie Rezitationen von Weihgesän­gen. Ei­ni­ge akharas richten Blindenschulen und Behindertenlager ein. Darüber gehen ihre Akti­vitäten nicht hinaus.“

Swami Satmitratnan ist, was die Zukunft berifft, zuversichtlich: „Die Zeiten ändern sich schnell. Alle Organisationen glauben jetzt, dass sie sich geändert haben sollten. Fortwährend gibt es neue Lager: Lager für Meditation, Lager für Yoga, für Pilger. Ich bin sehr optimistisch, dass die sannyasis in zehn oder zwölf Jahren eine neue Gestalt gewinnen, ein neues Bild abge­ben und in einem neuen Glanz erstrahlen werden.“

Die größte Schau auf Erden

Die Polizei hat den Sangam geräumt, die weite Sandbank, die den Zusammenfluss von Ganges und Yamuna markiert. Er ist einer der heiligsten, glückverhei­ßendsten Orte in der Mythologie der Hindu. Hinter hölzernen Barrikaden heben sich aus dem frühen Morgennebel dreißig Mil­lionen Pilger, eine brodelnde, unübersehbare Masse von Men­schen, empor wie ein Mann - vol­ler Erwar­tung, voller Erregung und erfüllt von Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die Fluten der Ströme sind kalt, haben nicht mehr als sechs Grad. Die Lufttemperatur liegt um die drei Grad. Die Polizisten zittern in ihren Dienstjacken, aber es ist nicht nur die Kälte, wovor sie zittern.

Die größte Versammlung menschlicher Wesen, die die Welt je gesehen hat, das Maha Kumbh Mela, findet in Indien statt.

Lautsprecheranlagen schmettern Gebete und Ankündigungen in alle Richtungen. Die Menge schwillt weiter an, Tausende strömen in den flachen Ganges. Der Sangam liegt verlassen da. Staubsäulen wirbeln über die leere Fläche, die, so scheint es, dem Druck der Pilger kaum standhal­ten kann. Wer immer hier dabei ist, weiß, dass der wichtigste Augenblick seines bzw. ihres Lebens bevorsteht.

Die größte Schau auf Erden steht am Hauptbadetag kurz vor dem ‘Anstoß’, und die Polizisten müssen auf Zack sein.

Oben am Kamm des Sangam erscheint ein einsamer Reiter. Er schlägt zwei Trommeln, aber ihr Ton trägt nicht einmal bis zum Wasser. Der nackte Reiter ist mit Asche beschmiert, seine lan­gen, verfilzten Haare fallen über seine bloßen Schultern. Ein langer Bart bedeckt sein ausge­mer­gel­tes Gesicht. Das Pferd vollführt einen kleinen Tanz, achtet nicht auf seinen Reiter und nicht auf die Menge um sie herum. Zwei weitere Reiter, ebenso bedrohlich und asketisch in ih­rer Aufmachung, reiten über den Kamm des Sangam, sie tragen lange Lanzen in der Hand. Einen Augenblick lang halten sich die Reiter dicht an die Kammlinie, dann jagen sie ihre Pferde auf das Wasser zu.

Die Menge hinter den Barrikaden drängt nach vorne, um eine bessere Sicht zu haben. Die Po­lizis­ten stapfen den Sangam rauf und runter, wobei sie hier und da mit ihren Bambusstäben Hie­­be aus­teilen. Graue Gestalten tauchen aus der Morgendämmerung auf, erst nur ein paar hier und da, dann im­mer mehr.

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Hunderte, dann Tausende aschenbeschmierter naga sadhus strömen den Sangam hinab, den heili­gen Fluten entgegen. Die nackten Asketen, die gewaltige Schwerter, Dreizacke, Speere, Bogen und Pfeile schwingen, geben das Bild einer grimmigen, brodelnden, jeder Len­kung spot­tenden Masse, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die Welt zu zerstören. Ihre graue Lei­chen­haut scheidet sie radikal von allen anderen menschlichen Wesen, sogar von den übrigen sadhus. Die nagas be­trachten Asche als eine Vergegenständlichung des Wesens aller Dinge, als eine im­merwährende Mahnung an Tod und Ewigkeit.

Am Rand des Wassers kommt die gesamte Armee von naga sadhus zum Halten. Der Zeitpunkt für das heilige Bad muss genau stimmen. Die Menge hinter den Barrikaden wartet unruhig. Die Poli­zisten rennen schon fast in schierer Panik herum.

Oben auf dem Sangam sind tausend weitere, in Safranroben gekleidete Sadhus ange­kommen. Frü­her war es Brauch, dass diese Asketen auf Elefanten angeritten kamen, aber seit­dem 1956 einer der Dickhäuter Amok lief und mehrere tausend Leute dabei umkamen, erset­zen Trakto­ren, Jeeps und LKWs die Tiere.

Die Häupter der dreizehn akharas, zu denen die Mönchsorden aller sadhus gehören, haben eine lange, ungeordnete motorisierte Prozession gebildet, die von ‘Schwarzen Katzen’, einem speziel­len Sicherheitskommando, beschützt werden. Diese Leibwächter haben schwarze Uni­formen an, schwarze Tücher um ihre Köpfe gewunden und tragen Maschinengewehre. Die sich um die Fahr­zeuge drängelnden Asketen warten ungeduldig darauf, ihren Kriegern zum Rand des Wassers zu folgen.

Spezielle Sadhuinfanteristen, in glänzend gelbe Uniformen gekleidet, unterstützen die Polizei und gebrauchen Stöcke, um wenigstens ein bisschen Ordnung aufrechtzuerhalten.

Am Ufer des Flusses werden die nagas zum wichtigsten Bad ihres Lebens in Reihen aufge­stellt. Im grauen Frühlicht sehen ihre Gesichter finster aus. Die Jungen stützen die Gebrechli­chen und Schwachen. Den Männern, die sich dafür entschieden haben, alles außer ihrem Glau­ben und ein paar altmodischen Waffen aufzugeben, ist es eiskalt.

Ein Signal eines in Safran gekleideten Priesters, ein Schrei aus tausend Kehlen, und die nagas nehmen Kurs auf die Fluten. Sie laufen, springen, fallen in das schnell fließende, braune Was­ser, während die ersten Sonnenstrahlen diese Szenerie eines surrealistischen Infernos in einem orange­roten Licht baden. Sobald die nagas im Wasser sind, nehmen die sadhus oben auf der Anhöhe ebenfalls Kurs auf den Fluss. Die Pilger können sich nun nicht mehr hal­ten. Die Polizei gibt auf, der Sangam wird von allen Seiten her überschwemmt - von sadhus, Pilgern und Poli­zisten; alle werden in den Fluss gespült, als wären sie von einer gewal­tigen, sich unvermittelt auftürmenden Flutwelle erfasst.

Die nagas haben, sind sie erst im Wasser, Spaß wie Kinder. Ihre Schwerter sind zu bloßen Spiel­zeugen geworden, die im Licht der Morgensonne aufblitzen. Die kalten Fluten waschen die Asche von zwanzigtausend Männern fort.

Die jüngeren nagas rasen an mir vorbei über die Sandbank und fangen an, unglaubliche Yoga­kunststücke und Körperverrenkungen darzubieten. Die älteren Männer beten leise, stehen bis zum Bauch im Wasser oder sitzen im Schatten ihrer Dreizacke auf dem Sand und wenden ihr Ge­sicht der Sonne zu. Die Kraft, die diese Männer in den Fluss verströmt haben, hat jeden An­we­senden angesteckt. Die dreißig Millionen Pilger folgen dem Beispiel der heiligen Männer und baden im Fluss.

Sadhupower

Im Lager der Juna Akhara macht das Gerücht die Runde, dass eine junge Ausländerin in einem Touristenlager ‘oben ohne’ ein Sonnenbad genommen hat, Meilen entfernt am Rande der gi­gan­ti­schen Zeltstadt. Die sadhus, deren Fest dies hier ist mit all seinen Gebeten und Waschun­gen, sind völlig zu Recht aufgebracht. Die empörten heiligen Männer verlangen, dass das ge­samte Lager, die einzige komfortable Touristenunterkunft bei diesem Fest, sofort geschlossen werden soll.

Es bedarf eines Besuchs des zuständigen Ministers, des Distriktsvorsitzenden, des Chefinspek­tors der Polizei und einer Armee von Würdenträgeren geringeren Ranges, die Vertreter der sadhus zu besänftigen. Während im Inneren des Lagers harte Verhandlungen geführt werden, schaltet Casio Baba sein kleines, klappriges Keybord ein und lässt eine verzerrte Melodie ertö­nen, zu der sich alsbald seine kratzige Stimme gesellt. Unmittelbar neben ihm lehnt sich ein junger sannyasi gegen eine Schaukel. Die letzten sieben Jahre hat er damit verbracht, aufrecht zu stehen. Ein anderer sadhu, der eine große Sonnenbrille mit silbernen Rändern trägt, ver­sucht sein Glied um eine Ei­senstange zu wickeln.

Vor dem Hintergrund der harten Verhandlungen ist dies ein magischer, unvergesslicher An­blick. Diese Männer leisten in der Tat einen äußerst wertvollen Beitrag zur Menschlichkeit.

Wen man das Leben eines sadhu führt, geht es nicht unbedingt um Weisheit, sicherlich aber um eine Grenzerfahrung, um einen Schritt ins Unbekannte; es geht darum, in der Welt zu sein und doch ohne sie auszukommen. Willkommen im 21. Jahrhundert.

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Übersetzt von Walther Schütz

Bilder von Aroon Thaewchatturat und Tom Vater

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